Gastarbeiter-Generation: Wie Deutschlands Versagen bis heute nachwirkt
Irmhild PutzGastarbeiter-Generation: Wie Deutschlands Versagen bis heute nachwirkt
Vor mehr als 60 Jahren warb Deutschland ausländische Arbeitskräfte an, um den Arbeitskräftemangel nach dem Zweiten Weltkrieg zu beheben. Darunter waren auch die Eltern des Komikers Fatih Çevikkollu, die mit der Erwartung einer vorübergehenden Bleibe einreisten. Ihre Geschichte steht exemplarisch für die langfristigen Herausforderungen, mit denen viele Migrantinnen und Migranten konfrontiert waren – von beruflichen Rückschlägen bis hin zu psychischen Belastungen im Alter.
Die Eltern von Fatih Çevikkollu kamen in den 1960er-Jahren im Rahmen des Gastarbeiterprogramms nach Deutschland. Sein Vater, ein gelernter Schlosser, und seine Mutter, eine ausgebildete Grundschullehrerin, gingen davon aus, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren. Doch sie blieben, als sich die wirtschaftlichen Bedürfnisse Deutschlands wandelten.
Jahrzehntelang weigerte sich das Land, sich als Einwanderungsland zu begreifen. Erst in den 2000er-Jahren änderte sich die offizielle Politik – für frühere Generationen kam diese Erkenntnis zu spät: Ohne Sprachkurse oder Integrationshilfen blieben sie oft sich selbst überlassen. Çevikkollus Mutter erlebte einen drastischen sozialen Abstieg: Statt als Lehrerin zu arbeiten, nähte sie als Schneiderin. Im Alter entwickelte sie vermutlich eine Psychose, lebte allein und litt unter akustischen Halluzinationen.
Viele ältere Migrantinnen und Migranten kämpfen mit Einsamkeit, die häufig in psychische Probleme mündet. Kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung von Krankheit – etwa wenn seelische Not durch körperliche Symptome ausgedrückt wird – erschweren zudem die Behandlung. Fachleute fordern daher kultursensiblere medizinische und therapeutische Ansätze, darunter mehrsprachige Betreuung und einen Ausbau interkultureller Dienstleistungen.
Das ursprüngliche „Rotationsprinzip“ wurde in den 1970er-Jahren aufgrund anhaltenden Arbeitskräftemangels aufgegeben. Damals gab es in Deutschland rund 600.000 unbesetzte Stellen, doch nur 50.000 Gastarbeiter kehrten in ihre Herkunftsländer zurück. Diese Entwicklung festigte die Präsenz der Migrantengemeinden – doch Integration blieb jahrelang ein Stiefkind der Politik.
Die Erfahrungen von Çevikkollus Familie spiegeln systemische Versäumnisse in Deutschlands Umgang mit Migration wider. Ohne frühzeitige Integrationsbemühungen sahen sich viele mit dauerhaften beruflichen und persönlichen Härten konfrontiert. Heute sind gezielte Gesundheitsversorgung und soziale Unterstützung unerlässlich, um den Bedürfnissen einer alternden Migrantengeneration gerecht zu werden.






